Fernweh: Das Freizeit- und Urlaubsmagazin
Home
Erholung pur
Marktplatz
News
Postkarten
Reisewetter
Wechselkurse
Spickzettel
Forum
Gästebuch
Kontakt
Impressum

Einsweb Internetservice


Einsweb Internetservice


Mit der Rikscha durch Südostasien - Ein Reisebericht von Thomas Bauer


3. Teil: Von Bangkok nach Singapur

Ein Bericht von Thomas Bauer vom 12. Februar 2008


Hitze.
Schwüle Hitze.
Hitze wie ein nasses Handtuch in der Sauna.
Hitze, die vom Boden aufsteigt, von den Hügeln herabkriecht.
Hitze, die sich um mich legt wie eine Zwangsjacke.
Hitze, die alle Poren der Haut öffnet und herauszieht, was darunter ist.

Bild

Seit ich Bangkok verlassen hatte, wurden die Bedingungen um mich herum zunehmend tropisch. Kokosnüsse fielen neben der Straße zu Boden. Linkerhand erstreckten sich kilometerweit Gummibaumplantagen. Mehrmals täglich ringelte sich eine Schlange die Straße entlang. Und meine Kekse teilte ich während mancher Pause mit Makaken, die aus den angrenzenden Wäldern gekommen waren.

Die Hitze, in Kombination mit einer ungesund hohen Luftfeuchtigkeit, machte mir zusehends zu schaffen. Bereits zehn Pedalumdrehungen nach meinem Aufbruch von Bangkok war ich schweißgebadet. Nach einer Viertelstunde legte sich das T-Shirt um mich wie eine zweite Haut. Nach einer Stunde hatte ich das Gefühl, ich zöge einen Streifen aus Schweiß hinter mir her. Dabei war es erst kurz nach neun Uhr morgens.

Auch die Menschen, denen ich begegnete, veränderten sich auf dem Weg nach Süden. Die Männer trugen Rebellion im Blick, schauten mir herausfordernd in die Augen. Die Frauen grüßten mich mit Augenaufschlägen; ihre Kopftücher wehten im Wind, wenn sie auf ihren Mopeds an mir vorbei fuhren. Die Verkäufer bewegten sich ungleich zackiger als im Norden. Niemand verbeugte sich mehr, wenn er etwas sagte. Der Buddhismus verlor mit jedem Kilometer an Kraft. Das islamisch geprägte Malaysia kündigte sich an.

Bild

Eine Sache sollte jedoch in ganz Thailand gleich bleiben – egal ob ich mich im buddhistischen Norden oder im islamisch geprägten Süden aufhielt. In Deutschland stellt die Hupe eines Autos oder Motorrads ein Warnsignal dar, das eine akute Gefahrensituation anzeigt. In Thailand ist die Hupe hingegen ein vielseitig einsetzbares Multifunktionsinstrument. Sie wird betätigt, um andere Verkehrsteilnehmer zu begrüßen und zu verabschieden. Ein thailändischer Autofahrer hupt grundsätzlich, bevor er überholen will, während er überholt, und nachdem er überholt hat. Er hupt außerdem, wenn er selbst überholt wird, und generell vor, in und nach einer Kurve. Die Hupe erfreut sich des Weiteren in diesem Land großer Beliebtheit als Blinker- und als Bremsersatz. Und etliche Verkehrsteilnehmer, davon war ich täglich fester überzeugt, betätigten dieses Instrument schließlich, um sich davon zu überzeugen, dass das wichtigste Teil ihres Fahrzeugs noch funktionierte.

Schwitzend, mit dem ständigen Lärm in den Ohren, erreichte ich Malaysia. Hier änderte sich erstmals das Wort, das mir die Kinder auf meinem Weg hinterher riefen. Statt "Falang", Langnase, wurde ich ab sofort "Madsale" genannt. Diese Bezeichnung gilt für alle westlichen Ausländer und geht zurück auf das englische "Mad Sailor". Weder die britischen, noch die portugiesischen und holländischen Seefahrer, die das malaysische Malakka einst als Handelshafen nutzten, waren dem Alkohol abgeneigt – und pflegten nach ausufernden Gelagen alberne Dinge zu tun.

Bild

Über eine dreizehn Kilometer lange Brücke, die längste in Südostasien, erreichte ich die Insel Penang. Seit jeher ist dieses Fleckchen Erde ein beliebtes Ausflugsziel deutscher Touristen. Hermann Hesse und Karl May waren hier gewesen. Insofern machte es Sinn, dass mich die Malaysisch-Deutsche-Gesellschaft zu einem Vortrag über meine Rikschafahrt eingeladen hatte. Eine Brücke zu meinen fünfzig Zuhörern baute ich, indem ich auf ein international verständliches Mittel zurückgriff: Auf Humor. Ich demonstrierte den Farbunterschied zwischen Ober- und Unterarm, berichtete von meinen Kommunikationsschwierigkeiten in Thailand und schilderte plastisch, wie ich in Südlaos Ratte gegessen hatte. Dabei merkte ich, dass es mir gut tat, die Eindrücke, Begegnungen und Erlebnisse meiner Reise auf diese Weise Revue passieren zu lassen. Der Vortrag stellte zudem eine gute Übung dar: In Singapur sollte ich, abermals in Englisch, eine ähnliche Veranstaltung vor über zweihundert Zuhörern halten.

Die sich anschließende Strecke zwischen Kuala Lumpur und Malakka führte mir eindrucksvoll vor Augen, wie multikulturell Malaysia ist. Hinduistische und chinesische Tempel, Kirchen und Moscheen ließ ich auf beiden Seiten der Straße hinter mir. Manchmal befanden sich die Gebäude von drei verschiedenen Weltreligionen in derselben Straße, in Sichtweite voneinander. Einmal mehr waren die klimatischen Bedingungen etwas für Schlangen und Insekten. Für einen Rad fahrenden Mitteleuropäer war es gefühlte zwanzig Grad zu heiß, und die Tatsache, dass sich die Luft bereits kurz nach dem Aufstehen anfühlte wie ein heißer Wadenwickel trug nicht wesentlich zur Leistungssteigerung bei. Ich entschloss mich, jeden Tag eine lange "siesta" einzuhalten. In einem Restaurant kurz vor Malakka aß ich kleingeschnittene Haifischflossen mit einer Soße aus reichlich Knoblauch, Soja und salziger Fischpaste. Abgerundet wurde mein Festmahl durch Eier der Roten Waldameise.

Bild

Als ich Malakka erreichte, waren die Straßen voller Löwen und Drachen. Reihen roter Lampions zogen sich von Haus zu Haus. Comicfiguren schmückten die Schaufenster. Überall wurden mir paarweise Orangen entgegen gehalten. Das Spektakel wird "Chinesisches Neujahrsfest" genannt und würde die Stadt vier Tage lang in Atem halten. "Willkommen im Jahr der Ratte", begrüßte mich der Inhaber des Hotels, in dem ich Unterschlupf gefunden hatte. Dieses Tier schien mich während meiner Rikschatour dauerhaft zu begleiten.

Ich erreichte Singapur am Morgen des elften Februar. Wie eine Verheißung erhoben sich seine Wolkenkratzer vor mir, während ich zwei Zollbeamten drei Mal versichern musste, dass ich in den vergangenen sechs Monaten nicht in Afrika gewesen war und sie darum keine Angst haben mussten, dass ich den AIDS-Virus in ihre Stadt brachte.

Der Tachometer meines SMIKE zeigte dreieinhalbtausend Kilometer an. Ich hatte geschafft, woran ich bis zuletzt gezweifelt hatte: Ich hatte diese Strecke in nur vierzig Tagen vollendet. Es war das ambitionierteste Vorhaben gewesen, das ich je in die Tat umgesetzt hatte. Immerhin besaß ich zuhause nicht einmal ein eigenes Fahrrad.

Eigentlich bin ich ja gar kein Radfahrer.



 Voriger Teil  Übersicht



www.fernweh.net © 2008 Gaby & Michael Waldmann