2. Teil: Von Phnom Penh nach Bangkok
Ein Bericht von Thomas Bauer vom 5. Februar 2008
Knapp fünfzehn Millionen Einwohner hat Kambodscha, und heute kam es mir vor, als hätten sie sich alle auf den
Weg in die Hauptstadt gemacht. Rikschafahren in Phnom Penh, das wurde mir schnell klar, gehörte zu den
großen Herausforderungen, die sich mir im Laufe meines Lebens in den Weg stellen. Eine Armada von Mopedfahrern
knatterte um mich herum. Wie ein Wespenschwarm kam sie mir vor; geschickt nutzten ihre Mitglieder die wenigen
Lücken aus, die sich vor mir auftaten. Am Straßenrand schepperten Fahrradrikschas über
Schlaglöcher, zogen Verkäufer Garküchen an verbogenen Holzstäben hinter sich her. Und immer wieder
spritzte unsere Formation auseinander, wenn sich ein Uraltlaster sprotzend seinen Weg durch den Tumult bahnte.
Man sieht Phnom Penh an, dass es vor wenigen Jahrzehnten vom Terrorregime der Roten Khmer evakuiert und weitgehend
zerstört worden ist. Direkt neben Hausruinen und vor Hinterhöfen, die aus nichts als Schutt bestehen,
schießen moderne Hotelanlagen aus dem Boden. Seit westliche Touristen Kambodscha als Reiseland entdeckt haben,
verdoppeln sich alle sechs Monate die Eintrittspreise für Museen und weitere Sehenswürdigkeiten in der
Hauptstadt, ohne dass sich die jeweils entsprechende Gegenleistung in irgendeiner Weise verändern würde.
Vermutlich ist kein Land der Welt derart für eine einzige Attraktion bekannt wie Kambodscha für die
Tempelanlagen von Angkor. Angkor ist omnipräsent, man begegnet dem Begriff auf Schritt und Tritt. Es gibt
Angkor-Kekse, Angkor-Bier und ein erfolgreiches Halbschuhmodell namens "Angkor Wat Explorer". Jedes zweite
Restaurant hat den Namen in irgendeiner Weise in seinen Titel integriert. Kambodschas ökonomische Entwicklung
verläuft ruckartig und bleibt undurchsichtig; die Korruption ist im ganzen Land praktisch mit den Händen zu
greifen. Da ist es wohl symptomatisch, dass das Leibgericht der Kambodschaner "Amok" heißt und aus
einer Mischung an Zutaten besteht, die westliche Gaumen kaum enschlüsseln können.
Wenn es nur eine Straße geben würde, die diesen Namen verdiente! Mit jedem Tag, den ich im Dreck und Staub
unterwegs war, war ich verblüffter, dass ich noch immer ein Fahrrad unter mir hatte. Mit zwanzig Stundenkilometern
krachte mein SMIKE in badewannengroße Schlaglöcher. Der Beiwagen vollführte tollkühne
Bocksprünge, wenn ein Stein oder ein Stück Holz unter sein Rad geriet. Auf den Abschnitten mit Wellblech
wurden wir beide durchgerüttelt wie bei einem Schüttelfrost. Von oben bis unten besudelt gelangte ich
schließlich nach Poipet, die letzte kambodschanische Stadt vor der thailändischen Grenze. Mein Zustand
passte indessen gut zu jenem der Stadt. Poipet strengt sich an, um sein Image als schmuddeliger Sündenpfuhl
aufrecht zu erhalten. Statt beispielsweise in Straßenbaumaßnahmen zu investieren, zog man vor zwei Jahren
neben den aufgereihten Bordellen einen immensen Kasinokomplex hoch, dessen gepflegte Glasfront heftig mit den Bettlern
und Minenopfern kontrastiert, die junge Thailänder vor der Eingangstür um ein paar Baht bitten.
Was für ein Wechsel fand hingegen statt, als ich nach Thailand gelangte! Unmittelbar nach der Grenze begann die
Zivilisation, und nach den Entbehrungen der vergangenen zwei Wochen sehnte ich sie herbei. Ehre sei den
thailändischen Straßenbauern, denn sie haben ganze Arbeit geleistet! Gelobt seien die Oreo-Kekse (ganz
besonders die mit Erdnussbutter), die ich ab sofort wieder am Straßenrand kaufen konnte. Ein dreifaches Hoch auf
den real existierenden Kapitalismus, der diese Errungenschaften ermöglicht hat!
"One night in Bangkok, and the world's your oyster", sang ich lauthals, während ich der Hauptstadt
entgegen fuhr. Es war gar nicht einfach, den näselnden Gesang nachzuahmen, den ich immer wieder unter Einsatz
meiner Fahrradklingel mit Queens "Bicycle Race" kombinierte. Ab hier hatte ich keinerlei Probleme mehr, etwas
Essbares aufzutreiben. In Thailand scheint eine Hälfte der Bevölkerung permanent damit beschäftigt zu
sein, für die andere zu kochen. Bangkok erforschte ich schließlich ganz dekadent per Taxi. Wie üblich
verlangte der Fahrer für die vierstündige Fahrt einmal "Nicht-der-Rede-wert", was ich mit
"So-gut-wie-nichts" als Trinkgeld anreicherte. Einer der Vorteile, in München zu wohnen, ist, dass einem
praktisch alle anderen Orte auf der Welt günstig vorkommen.
Nantopol Limpatyakrom, so der Name meines Taxifahrers, der groß auf einem Pappschild stand, das er um den Hals
trug, führte mich souverän durch ein Gewirr von vierspurigen Autobahnen, über
größenwahnsinnige Brückenanlagen hinweg und in vollgestopfte Einbahnstraßen hinein. Ich hatte gut
daran getan, die thailändische Hauptstadt nicht per Rikscha zu erkunden. Nach einem Tag voll fremder und extremer
Eindrücke suchte ich eines der übelsten Hotels der Stadt auf, das sich geografisch günstig am
Südrand befand. Von hier aus sollte es morgen weitergehen. Anderthalbtausend Kilometer fehlten noch bis Singapur.
Anderthalbtausend Kilometer in zwei Wochen; das war wohl das, was man ein "ehrgeiziges Programm" nennt.
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