Mit dem Jeep bis in die Sahara
5. Tag (Freitag, 04.12.98)
Auch heute Morgen müssen wir wieder ziemlich früh aus dem Bett, denn schon um kurz
nach 7 Uhr wartet vor dem Hotel unser Jeep, der uns zusammen mit vier weiteren Teilnehmern zu
unserem gebuchten Ausflug nach Südtunesien abholt. Das Programm klang vielversprechend: Die
Besichtigung von Speicherburgen, ein Abstecher in die Sahara und die Überquerung eines
Salzsees. Wir sind gespannt, ob sich unsere Erwartungen an diese Jeep-Tour erfüllen werden.
Zwar steht unser Fahrer Ibrahim in typisch arabischem Outfit mit seinem Jeep pünktlich vor
der Tür, dafür lassen sich zwei der anderen Fahrgäste reichlich Zeit. So wird es
fast halb acht, bis wir an der Hauptstraße die drei anderen Jeeps treffen, mit denen
zusammen wir dann endlich Richtung Römerdamm aufbrechen. In einem der anderen Wagen
fährt auch unser deutschsprachiger Reiseleiter mit, der zu unserem Leidwesen während
der gesamten Tour ein Händchen dafür entwickelt, an möglichst ungemütlich
windigen Plätzen einen kurzen Halt einzulegen, um uns dann ein wenig zu ausführlich in
einem recht einschläferndem Tonfall über Land und Leute zu informieren. Wesentlich
besser getroffen haben wir es da schon mit unserem Fahrer Ibrahim, der zwar nur ein paar Brocken
deutsch spricht, es aber dennoch hervorragend versteht, uns trotz der frühen Stunde
wachzuhalten.
Unseren ersten längeren Halt machen wir in einem kleinen Ort namens Ben Gardane, der nur
18 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt ist. Durch diese Nähe zu Libyen wird auch
die einzige Attraktion des Ortes geprägt, nämlich der riesige Markt, auf dem alle nur
denkbaren Waren gehandelt werden, von Zigaretten über billiges libysches Benzin bis hin zu
den verschiedensten Dingen des täglichen Bedarfs. Obwohl hier ganz offensichtlich der
Schwarzhandel blüht, wird diese günstige Einkaufsmöglichkeit von der tunesischen
Regierung großzügig toleriert. Es scheint hier doch etwas rauer zuzugehen, als auf
einem herkömmlichen Markt, denn während unseres kurzen Besuches werden wir auch gleich
Zeugen einer handfesten Rauferei. Da der Markt für uns, abgesehen von diesem Spektakel,
nicht viel zu bieten hat, nutzen wir den Rest des Aufenthaltes dazu, uns in einer typisch
tunesischen Bar niederzulassen und das Treiben auf der Straße zu beobachen. Dass wir
hier fernab der Touristenorte sind, schlägt sich deutlich im Preis nieder; so bezahlen wir
für unsere beiden Espresso lediglich einen Dinar. Auch unser Reiseleiter hat offensichtlich
ein gutes Geschäft gemacht; jedenfalls verlässt er den Markt mit einem Wagenrad
unter dem Arm.
Gaby scheint es unserem Ibrahim irgendwie angetan zu haben; jedenfalls beobachtet er sie
während er weiteren Fahrt immer wieder im Rückspiegel; auf einmal nimmt er ihr den
Zettel ab, auf dem sie sich hin und wieder Notizen macht und betrachtet interessiert die
Rückseite - dort hatte Gaby sich gestern für unsere Postkarten eine Grußformel
in arabischer Schrift notiert... Unser zweites Ziel auf der heutigen Tour ist die Speicherburg
Beni Menira, die aufgrund ihrer Lage in der wüstenähnlichen Sandlandschaft nur mit dem
Jeep zu erreichen ist. Wären da nicht unsere Jeeps und deren Reifenspuren, so würden
wir denken, wir wären um etliche Jahre in die Vergangenheit gereist. Dank der schwer
zugänglichen Lage, gibt es hier außer unseren Jeep-Besatzungen keine Touristenhorden,
mit denen wir den Anblick teilen müssen.
Auf unserer weiteren Fahrt sorgt Ibrahim bei den Besatzungen der übrigen Jeeps immer
wieder für Verwirrung, indem er ständig aus der Kolonne ausbricht und die wildesten
Abkürzungen fährt. Doch obwohl wir immer wieder verschwunden sind, scheinen die Fahrer
der anderen Wagen sich keine größeren Sorgen zu machen; Ibrahims ungewöhnlicher
Fahrstil ist ihnen sicherlich nicht unbekannt. Der Ort Ezzahra, unser nächstes Ziel, hat
ebenfalls eine alte Speicherburg zu bieten, die noch vollständig in das dörfliche
Leben integriert ist. Nicht nur die Ruhe, die hier herrscht, sondern auch der mit einfachsten
Mitteln gebaute Viehstall in der Mitte des Platzes, tragen mit dazu bei, dass wir uns hier
wirklich in vergangene Jahrhunderte zurückversetzt fühlen. Tatsächlich ist diese
Speicherburg noch bewohnt, wie die beiden alte Leute beweisen, die vor einem der Speicher im
Schatten sitzen.
Die letzte und sicherlich großartigste Speicherburg dieser Region, die wir auf unser
weiteren Fahrt kennenlernen, ist Ksar Oueld Soltane. Auch dieser Komplex befindet sich mitten in
einer recht lebhaften Ortschaft. Vor dem Eingang unterhalten Männer sich beim Brettspiel
und ein Dromedar wartet auf der Ladefläche eines Wagens geduldig auf seinen Abtransport.
Diese Speicherburg unterscheidet sich durch die vorigen dadurch, dass sie aus zwei durch
eine Passage miteinander verbundenen Höfen besteht. Obwohl einer der Höfe bereits im
15., der andere dagegen erst im 19. Jahrhundert entstanden sein soll, ist kaum ein Unterschied
im Baustil festzustellen. Da der Komplex inmitten der Ortschaft liegt, werden einige der
Gewölbe nach wie vor noch als Lagerräume genutzt. Der Grund für den besonders
guten Zustand der Gebäude sind umfangreiche Restaurierungsarbeiten, die in den letzten
Jahren durchgeführt wurden. Nur die alten Türen aus verwittertem Palmenholz lassen das
wahre Alter der Anlage erahnen.
Unsere weitere Tour Richtung Sahara führt uns um die Mittagszeit zum Hotel Sangho, das
rund fünf Kilometer außerhalb von Tataouine liegt. Im Restaurant dieses
wunderschön angelegten Hotelkomplexes wartet ein reichhaltiges Mittagsbüffet auf uns,
in dessen Mittelpunkt wieder einmal das als tunesisches Nationalgericht unvermeidliche Couscous
steht. Nach dieser verdienten Erholungspause fahren wir weiter zum eigentlichen Höhepunkt
unser Tour. Nach relativ kurzer Fahrt biegen wir von der asphaltierten Hauptstraße ab und
fahren über abenteuerliche Schotterpisten Richtung Sandwüste. Je weiter wir fahren, um
so schneller verändert sich die Landschaft, die wir durchqueren. Immer mehr Sand löst
die ohnehin spärliche Vegetation zusehends ab. Ibrahim nutzt den schlechten Zustand der
Straße mit ihren gewaltigen Schlaglöchern intensiv dazu, uns mit den
Möglichkeiten vertraut zu machen, die sein Wagen bietet. So verfliegt die Trägheit,
die sich nach dem Mittagessen bei uns eingestellt hatte, recht schnell wieder und die Zeit
vergeht rasch. Plötzlich finden wir uns mitten in der Sandwüste wieder. Wohin wir auch
blicken, in allen Richtungen sehen wir nichts als gewaltige Sanddünen. Ein kurzer
Aufenthalt mit einem Spaziergang durch den rötlichen Wüstensand ist für uns
wirklich der Höhepunkt des heutigen Tages.
Ibrahim nutzt die hügelige Sandlandschaft noch für eine rasante Extratour mit
seinem Jeep. Als plötzlich die Räder durchdrehen und immer tiefer im Sand versinken,
sehen wir unseren Reiseleiter aufgeregt aus dem Wagen hinter uns springen und auf uns zukommen.
Aber schon hat Ibrahim sein Gefährt wieder im Griff und es kann weitergehen. Während
der anschließenden Rückfahrt Richtung Djerba vergeht die Zeit doch recht langsam;
daran kann selbst Ibrahim nichts ändern, an dessen Kunststücke wir inzwischen
gewöhnt sind. Einen letzten Halt legen wir nochmals kurz vor Djerba ein, als wir einen
Salzsee überqueren und uns mitten auf dem See die Füße vertreten. Nachdem wir
schließlich über den Römerdamm wohlbehalten wieder auf unserer kleinen Insel
angelangt sind, bringt Ibrahim uns zurück zu unserem Hotel und verabschiedet sich nach
einem letzten gemeinsamen Erinnerungsfoto herzlich von uns. Im Hotel wartet zum Abendessen eine
ganz besondere kulinarische Köstlichkeit auf uns – es gibt Couscous.
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