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An einem Regentag im Spätherbst packte uns - für alle unverständlich - die
Reiselust. Für uns war klar: heute mussten wir einen Auflug machen, mal was Anderes
sehen. Die Frage war nur: wohin reisen bei diesem ungemütlichen Regenwetter?
Die Lösung für uns hatte schließlich unsere Freundin Birgit:
allemal einen Tagesausflug wert sei Burger's Zoo im holländischen Arnhem,
erfuhren wir von ihr. Da der Zoo großflächig überdacht sei,
lohne sich ein Besuch auch an einem Regentag. Ab der Autobahnabfahrt Arnhem sei
der Weg zum Zoo perfekt ausgeschildert, wir würden ihn also auch ohne
langes Suchen problemlos finden. So begaben wir beide uns also in den Osten der
Niederlande, um uns von der Richtigkeit dieser Aussagen am eigenen Leibe zu
überzeugen.
Irgendwie mussten wir wohl die falsche Autobahn erwischt haben. Es gab
zwar eine Abfahrt nach Arnhem, aber weit und breit keinen Hinweis auf Burger's Zoo.
Im Zentrum von Arnhem gab es dafür wenigstens Wegweiser zum nächsten
Touristenbüro. Nachdem Gaby schnell aus dem Wagen gesprungen war und dort nach
dem Weg gefragt hatte, fanden wir den Zoo schließlich doch noch ohne große
Probleme und gingen kurze Zeit später - ohne Schirm - auf Entdeckungsreise.
Geld umgetauscht hatten wir keines, denn wir dachten uns, wenn man seinen
Einkauf in Venlo mit deutscher Mark bezahlen kann, wird man für den
Eintritt in Burger's Zoo sicher auch keine Gulden benötigen. Damit hatten
wir auch nicht ganz unrecht: unsere Währung wurde an der Kasse gerne
angenommen, allerdings zum recht ungünstigen Wechselkurs Eins zu Eins.
Für unser Auto erwarben wir zusätzlich für 2,50 Mark eine
Burger's-Zoo-Münze, die uns nach unserem Besuch die Schranke des
Parkplatzes öffnen sollte. Das Wechselgeld gab es selbstverständlich
in Gulden zurück. Na ja, für den nächsten Besuch haben wir auf
jeden Fall etwas dazugelernt.
Burger's Zoo unterteilt sich in drei Teile: zwei "Themenhallen" mit den Themen
"Busch" und "Wüste" sowie den klassischen Zoo einschließlich einer
Wander-Safari. Da das Wetter, wie schon erwähnt, nicht allzu
gemütlich war und wir auch nicht die rechte Lust auf einen klassischen
Zoobesuch hatten, entschlossen wir uns, nur die beiden Hallen zu erforschen.
Unser erstes Ziel war der
Busch
In dieser laut Prospekt 14.250 qm großen Halle ist ein naturgetreuer,
nach Erdteilen geordneter Regenwald nachgebildet, wie er in Südostasien,
Nordaustralien, Neu-Guinea, Afrika, Süd- und Mittelamerika vorkommt.
Die Halle beherbergt ca. 15.000 Pflanzen, die so nützliche Produkte wie Samen
und Früchte (Bananen, Papayas, Reis, Kakao, Mangos, Ananas), Holz (Bambus, Rattan,
Teak, Mahagoni, Meranti) sowie Gummi, Farbstoffe, Heilmittel und Gewürze liefern.
Auch die für den Regenwald so typischen Farne, Orchideen und Lianen fehlen nicht.
Dass bereits die Ureinwohner landwirtschaftlich tätig gewesen sein mussten,
zeigt unter anderem das geschickt gebaute Bewässerungssystem der Einheimischen.
Das tropische Klima mit einer Temperatur zwischen 22 und 24 Grad sowie die hohe
Luftfeuchtigkeit ließen uns zeitweilig vergessen, dass es
Spätherbst war und die Temperatur draußen nur etwa 10 Grad betrug.
Zwischendurch wünschten wir uns immer wieder, wir hätten Shorts und
T-Shirts eingepackt. Auf festes Schuhwerk konnten wir übrigens getrost
verzichten, denn die matschig aussehenden Wege sind in Wirklichkeit nichts
weiter als ein Teil der perfekten Illusion. Matsch, Reifenspuren und
Fussabdrücke sind nur gekonnt nachgebildet. Zumindest dann, wenn man
auf Exkursionen wie einen Spaziergang über die Abenteuerbrücke
verzichtet, kann man trockenen Fußes den ganzen Busch erforschen.
Wie es sich für einen richtigen Busch gehört, trifft man
natürlich auf Wasserschweine, Erdferkel, Otter, Kaimane, farbenprächtige
Vögel, Eidechsen, Kröten, Frösche, Fische, Insekten und Bodentiere in
ihrer fast natürlichen Umgebung. Die größten und eigenartigsten
Bewohner sind die Seekühe. Um nichts zu verpassen, sollte man unbedingt
dann und wann stehenbleiben, auf Bewegungen achten und vor allem auch lauschen.
Nur dann hört man das Rascheln in den Büschen und auch das Rauschen des
Wasserfalls, der übrigens eine Fallhöhe von stattlichen 17 Metern hat.
Aber es sind nicht nur die verschiedenen Tierarten, die uns einen echten
Regenwald vorgaukeln. Überall finden sich auch Spuren von menschlicher
Anwesenheit. In "Neu-Guinea" ist ein typisches "Jeu" oder zu gut deutsch
Männerhaus der Asmatpapuas nachgebaut; davor steht ein sogenannter "Bisj-Pfahl",
ein geschnitzter Stamm des Brettwurzelbaumes, der bei Festen anläßlich der Abschiednahme
von verstorbenen Vorfahren Dienst tat. In "Afrika" ist eine Waldhütte zu
finden, so wie sie angeblich auch heutzutage noch von den Pygmäen gebaut
wird. Die Wege sind durch den verwitterten und ausgelaugten Ton rot gefärbt.
Dass sie nach einem Regenschauer recht glatt sein können, wird durch einen
im Straßengraben liegenden Landrover ziemlich deutlich. Es gibt kleine Felder mit Cassave
und Papayas, Reisfelder, rostige Brücken und das Modell eines umgehauenen Urwaldriesen aus
Brettwurzeln sowie einige Häuschen im tropischen Stil.
Für's leibliche Wohl sorgt ein geschickt in die Landschaft integriertes
"Selbstbedienungs-Tropenrestaurant", wo mutige Besucher tropische
Speisen und Getränke probieren können. Für Suppenbegeisterte
beispielsweise gibt es so Exotisches wie cremige Currysuppe mit Reis und
Mangostückchen, Bambussprossensuppe, afrikanische Erdnussuppe oder
Tandoorisuppe mit tropischen Früchten und Nüssen. Wer es eher fruchtig
mag, kann den brasilianischen Palmherzencocktail mit Ananasstücken
und Melonenscheiben probieren. Die Preise sind relativ zivil, aber auch hier gilt: nach
Möglichkeit in Gulden bezahlen, nicht in deutscher Währung.
Wer Lust hat, sich selbst in die Landschaft einzubinden (und sich dabei nicht gar zu albern
vorkommt) kann dies mit Hilfe der feilgebotenen Livingstone Tropenhelme und Baströckchen
tun, oder sich als Andenken eine der zahlreichen handgeschnitzten Figuren mit nach Hause nehmen.
Busch und Wüste sind durch einen 143 Meter langen "Abenteuertunnel"
verbunden. Laut Prospekt handelt es sich dabei um einen alten Minengang,
in dem man allerlei interessante biologische und geologische Entdeckungen machen kann; im
Dämmerlicht des alten Gewölbes sollen unter anderem hunderte von
Blattnasenfledermäusen umherfliegen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl
im Magen und gesenkten Hauptes machten wir uns also auf in dieses Gewölbe.
Und tatsächlich: Feldermäuse flatterten wirklich umher,
glücklicherweise aber hinter besucherfreundlichen (und sicherlich auch
fledermausfreundlichen) Glasscheiben. Zu bestaunen gab es außerdem eine
Tropfsteinhöhle, sowie hier und da verschiedene Fossilien in den Felsspalten.
Auch wenn die Beschreibung im Prospekt uns vorher daran zweifeln ließ,
wir schafften es tatsächlich, unbeschadet durch den Tunnel zu gehen und
gelangten schließlich in die
Wüste
Diese zweite Halle ist mit ihren ca. 7.500 qm nur etwa halb so groß
wie der "Busch". Sie berherbergt Lebensformen, wie sie in der nordamerikanischen
Sonora-, Mojave- und Chihuahua-Wüste vorkommen. Zu unserer Überraschung
war das Wüstenklima wesentlich angenehmer als das tropisch feuchte Klima im
Busch. Auch die Temperatur kam uns deutlich niedriger vor, was aber auch einfach
an der geringeren Luftfeuchtigkeit liegen kann. Unsere Sorge, schon nach kurzer
Zeit die Schuhe voller Sand zu haben, erwies sich als unbegründet, denn
Burger’s Wüste ist zum überwiegenden Teil eine Steinwüste.
Denjenigen, die sich dafür interessieren, sei hier verraten, dass
die Granitfelsen detailgetreu aus Beton nachgebildet (gegossen) wurden. Außerdem
gibt es verschiedene Sandsteinformationen und einen Lavasteinkomplex. Wer während
der Wüstenwanderung seinen heimischen Fernseher vermisst, kann sich die
Entstehung der Kunstwüste auch in einer Filmdokumentation anschauen.
Sie veranschaulicht den Aufbau der Halle vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung
im Jahre 1994.
Am Fuß einiger Felsen befinden sich Steinhaufen, die aus dem dazugehörigen
Erosionsschotter gebildet wurden. Anderswo sieht man die ausgetrockneten Betten von
Flüssen, die zuweilen nach heftigen Regengüssen plötzlich entstehen.
Einige kleine Flüßchen und eine Oase zeigen, dass eine Wüste auch
feuchte Lebensräume (Biotope) kennt. Felsplateaus und Canyons, Sanddünen und
Ebenen sorgen für eine unerwartet große Abwechslung in diesem Ökosystem.
Der aufmerksame Wüstenbesucher kann beim nachgeahmten Sonnenschein auf den Felsen
nahe dem Gehweg gelegentlich hier und dort Eidechsen, wie z. B. bunte kalifornische
Felseidechsen, Stachelleguane oder Chuckwallas beobachten, die sich zur Siesta
niedergelassen haben, sich aber bei der kleinsten drohenden Gefahr wieder in die
zahllosen Felsspalten zurückziehen.
Viele interessante Wüstenvögel sind hier ebenfalls zu bestaunen:
Kardinäle, Kernbeißer, Kolibris und Schuppenwachteln. Die großen
aasfressenden Truthahngeier werden sicherlich niemandem entgehen; schließlich
fliegen sie ja frei in der Halle herum - aber keine Sorge, die Tiere haben sicherlich
viel mehr Angst vor den Menschen als umgekehrt. Sie fliegen höchstens mal von der
einen Felsspitze zur anderen, und landen sicher nicht auf den Köpfen der Besucher.
Diejenigen Tiere, die für den Menschen oder andere Tiere gefährlich sind, wie
etwa Rotluchse, Klapperschlangen, Skorpione, Rennkuckucke und Haubencaracaras,
dürfen sich nicht frei bewegen. Sie werden in solchen Teilen der Landschaft
gehalten, die sie nicht verlassen können. Trotzdem kommt zu keinem Zeitpunkt das
typische Zoogefühl mit einzelnen Gehegen auf.
Da es in Wüsten tagsüber oft sehr heiß ist, sind viele Tierarten von Natur
aus nachts aktiv. Diese werden in der Wüste dann auch in ihren kühlen Verstecken
in Höhlen oder unter der Erde gezeigt. Beispiele für diese Tiere sind Buschratten,
diverse Schlangen, Eulen, Raubtiere wie der Katzenfrett und die gruselige Vogelspinne sowie
Skorpione und Wüstentausendfüßler. Auch Säugetiere trifft man in der
Wüste an, wie etwa Wüstendickhornschafe und Halsbandpekanis. Auch den Pflanzenfreunden
wird so Einiges geboten; sie kommen beim Anblick der Wüstenlandschaft, die aus zahllosen
Kakteen, Agaven, Yuccas, Bäumen, Sträuchern, Palmen und einer großen Vielzahl von
Kräutern besteht, sicher voll auf ihre Kosten.
Ebenso wie im Busch, findet man auch in dieser Landschaft immer wieder Spuren der Menschen. Eine
verunglückte Karre beispielsweise soll an die Probleme erinnern, mit denen die frühen
Kolonisten zu kämpfen hatten. An anderer Stelle wird von Wissenschaftlern das Skelett eines
Tyrannosaurus Rex freigelegt. Direkt bei der Quelle eines kleinen Flüßchens steht das
Waschsieb eines Goldsuchers, und etwas weiter hinauf trifft der Besucher auf eine
Niederlassung mit Häusern, die im Stil der Pueblo-Indianer gebaut wurden.
Auch in der Wüste ist ein "Selbstbedienungs-Wüstenrestaurant" in die Landschaft
integriert worden. Und auch hier besteht die Möglichkeit, Souvenirs (wie z. B. mexikanische
Sombreros) zu erstehen und typische Speisen und Getränke zu kosten. Auf der Speisekarte
finden sich so lecker klingende Gerichte wie pikante Maissuppe mit gelben Tomaten- und
Tortillastücken oder auch heiße, kalte und vegetarische Tacos. Dazu kann man
aus verschiedenen exotischen Säften auswählen, wie Guave, Papaya oder Maracuja.
Was wir anfangs nicht so recht glauben konnten, hat sich zu guter Letzt doch
bewahrheitet: wir haben mehrere Stunden lang ein ausgedehntes, zusammenhängendes,
überdachtes Gebiet "per Pedes" und ohne Schirm durchwandern können; und vor
allem: es hat wirklich Spaß gemacht. Zwischendurch hätten wir manchmal fast
vergessen, dass wir nur durch eine künstlich erschaffene Welt wandern.
Beim Verlassen des Geländes haben wir uns noch einmal etwas genauer umgeschaut.
Dabei haben wir festgestellt, dass die Holländer uns Deutschen auf jeden Fall
in einem Punkt etwas voraus haben: die behindertengerechte Einrichtung öffentlicher
Anlagen. Am Eingang stehen, ähnlich wie die Einkaufswagen vor den Supermärkten,
etwa 15 Pfandrollstühle, die sich bequem durch Münzeinwurf entnehmen lassen.
Wegen des hügeligen Geländes ist aber sicherlich ein kräftig schiebender
Helfer empfehlenswert. Behindertentoiletten sind selbstverständlich ebenfalls
vorhanden.
Für unseren Geschmack hat sich dieser "Zoobesuch" tatsächlich allemal
gelohnt. Wir haben uns bereits entschlossen, dass wir ihn demnächst noch einmal
wiederholen werden - allerdings bei Sonnenschein, um uns auch die Wander-Safari nicht
entgehen zu lassen.
© 1997-2010 Gaby & Michael Waldmann
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